Wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen, liegt der Fokus oft auf internen Bemühungen, darunter Prozessoptimierung, Energieeinsparungen und Umweltinitiativen. Die Realität ist jedoch viel umfassender. Ein erheblicher Teil der ökologischen und sozialen Auswirkungen eines Unternehmens entsteht entlang der Lieferkette durch seine Lieferanten, die ausgewählten Materialien, die Transportpraktiken und die Arbeitsbedingungen auf verschiedenen Ebenen.
Kurz gesagt: Eine ESG-Strategie ist nur dann glaubwürdig, wenn sie sich auf die gesamte Lieferkette erstreckt – denn selbst das vorbildlichste Engagement verliert an Wert, wenn die Partner nicht die Mindeststandards in Bezug auf Umweltpraktiken, verantwortungsvolle Unternehmensführung und Übereinstimmung mit den Unternehmenswerten erfüllen.
Laut einigen Schätzungen haben Unternehmen nur zu 7 % ihrer Lieferketten direkten Einblick. Die restlichen 93 % liegen im Dunkeln – und genau dort können sich große Risiken verbergen, die den Ruf eines Unternehmens und die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften erheblich beeinträchtigen können.

ESG und Lieferkette: Ein genauerer Blick auf die Regulierung
Die zunehmende Bedeutung von ESG-Kriterien in Lieferketten ist nicht mehr nur eine Frage der Unternehmensverantwortung oder Markenpositionierung. Heute geht es um Compliance. Mit der Einführung neuer gesetzlicher Rahmenbedingungen hat die Europäische Union begonnen, strengere ESG-Anforderungen für Unternehmen festzulegen.
CSRD – Richtlinie über die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen
Zu den wichtigsten Vorschriften gehört die Richtlinie über die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen (CSRD), die einen bedeutenden Wendepunkt darstellt. Ab dem Geschäftsjahr 2024 und mit zunehmendem Anwendungsbereich müssen große Unternehmen – insbesondere solche, die bereits der Richtlinie über die nichtfinanzielle Berichterstattung (NFRD) unterliegen – nun ihre Auswirkungen auf Umwelt, Gesellschaft und Unternehmensführung nach harmonisierten EU-Standards berichten.
Diese Berichterstattung gilt nicht mehr nur für die internen Abläufe eines Unternehmens, sondern erstreckt sich auch auf dessen Lieferkette und externe Partner, die hinsichtlich Umweltrisiken, Arbeitsbedingungen, Menschenrechten und anderen wichtigen Faktoren bewertet werden müssen.
Es geht nicht nur um Transparenz: Die CSRD schreibt vor, dass ESG-Elemente in die Unternehmensstrategie und -führung integriert werden müssen, was sich auf Prozesse, Beschaffung, Risikomanagement und Lieferantenbeziehungen auswirkt. Wie so oft löst dies einen Dominoeffekt aus, der nicht nur direkt regulierte Unternehmen betrifft, sondern auch Lieferanten, Subunternehmer, Logistikdienstleister und Produktionspartner. Alle Akteure in einer regulierten Wertschöpfungskette müssen ESG-Zusicherungen geben, um weiterhin mit Unternehmen Geschäfte machen zu können, die der Berichtspflicht unterliegen. Wer diesen Wandel ignoriert, riskiert sowohl Reputationsschäden als auch einen erheblichen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.
Richtlinie über die Sorgfaltspflicht von Unternehmen im Bereich der Nachhaltigkeit (CSDDD)
Die CSDDD ergänzt die CSRD, verlagert jedoch den Schwerpunkt von Transparenz auf Maßnahmen. Die Richtlinie legt eine gesetzliche Sorgfaltspflicht entlang der gesamten Lieferkette (sowohl für direkte als auch für indirekte Lieferanten) fest und verpflichtet Unternehmen zu konkreten Maßnahmen – wie Audits, Korrekturmaßnahmenplänen und Ad-hoc-Vertragsklauseln –, um negative Auswirkungen auf Menschenrechte und Umwelt zu identifizieren, zu verhindern, zu mindern und zu beenden.
Branchenspezifische Vorschriften
Zusätzlich zu übergreifenden Rahmenwerken wie CSRD und CSDDD führt die Europäische Union sektorspezifische Vorschriften ein, die sich direkt auf Lieferketten auswirken.
Ein relevantes Beispiel ist die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR), die ab 2024 von Unternehmen verlangt, sicherzustellen, dass bestimmte Produkte – darunter Kakao, Kaffee, Holz, Kautschuk, Soja und Rindfleisch – nicht aus Gebieten stammen, die nach 2020 abgeholzt wurden. Dies setzt eine genaue geografische Rückverfolgbarkeit bis zur Quelle des Materials und ein Sorgfaltspflicht-System für Lieferanten voraus, insbesondere in Hochrisikoländern.
Ähnliche Auswirkungen hat die EU-Batterieverordnung, die eine ESG-Rückverfolgbarkeit der Lieferkette für kritische Materialien (Lithium, Kobalt, Nickel) vorschreibt, einschließlich der Arbeitsbedingungen und der Umweltauswirkungen.

Sorgfaltspflicht in der Lieferkette: die grundlegenden Schritte
Die Messung der Nachhaltigkeit der Lieferkette ist eine komplexe Herausforderung, die Weitblick, Struktur und die richtigen Instrumente erfordert. Die größte Schwierigkeit besteht darin, Faktoren zu bewerten, die weitgehend außerhalb der direkten Kontrolle eines Unternehmens liegen. Es reicht nicht aus, Lieferanten lediglich zu bitten, eine Erklärung zu unterzeichnen.
Zu diesem Zweck reicht eine Absichtserklärung der Lieferanten nicht aus. Es muss ein organischer Due-Diligence-Prozess strukturiert werden, der eine strenge Screening-Methodik, die Definition von KPIs gemäß internationalen Standards und die Umsetzung durch Technologien zur Rückverfolgbarkeit und Risikoüberwachung kombiniert.
Abbildung der Wertschöpfungskette
Der erste Schritt ist die Erstellung einer umfassenden Übersicht über Ihre Lieferkette – beginnend mit den direkten Lieferanten, aber bei Bedarf auch darüber hinaus. Oftmals liegen die kritischsten ESG-Risiken in tieferen Ebenen der Kette, die schwieriger zu überwachen, aber strategisch wichtig zu verstehen sind.
Es geht darum, was woher kommt, aber auch darum, wie Informationen und vertragliche Verantwortlichkeiten weitergegeben werden. Dies hilft dabei, zu überprüfen, ob Transparenz und Rückverfolgbarkeit entlang der gesamten Lieferkette gegeben sind. Das Ziel besteht nicht darin, jeden einzelnen Subunternehmervertrag zu überprüfen, sondern zu beurteilen, ob ESG-Standards effektiv weitergegeben werden.
Da es unmöglich ist, alle Partner auf die gleiche Weise zu überwachen, könnte das Unternehmen einen risikobasierten Ansatz verfolgen, der sich in der Erstellung von Risikokarten (z. B. geografisch, kategoriebasiert, operativ...) niederschlägt, wobei der Schwerpunkt auf den kritischsten Verbindungen liegt. Der Einsatz digitaler Tools ist in dieser Phase ein entscheidender Faktor. SRM-Plattformen (Supplier Risk Management), die KI nutzen, können Lieferantendaten in Echtzeit mit externen Risikodatenbanken abgleichen, um eine dynamische Risikoklassifizierung zu unterstützen.

Welche Daten erfasst werden sollen: Auswahl der richtigen ESG-Indikatoren
Die Festlegung der zu erfassenden Daten ist einer der heikelsten Aspekte bei der Bewertung von ESG-Kriterien in der Lieferkette. Es gibt keine allgemeingültige Liste: Die relevantesten Indikatoren müssen auf der Grundlage des Sektors, der Position des Lieferanten in der Kette, des Risikoniveaus und der potenziellen Auswirkungen ermittelt werden. Internationale Leitlinien – wie die GRI-Standards und sektorspezifische SASB-Kriterien – bieten nützliche Anhaltspunkte, müssen jedoch in konkrete, operative KPIs umgesetzt werden.
Der erste Schritt ist eine Bewertung der Wesentlichkeit, die idealerweise auch auf Lieferanten- oder Produktebene durchgeführt wird. Für einen Rohstofflieferanten in einem Hochrisikoland könnten folgende Indikatoren priorisiert werden:
- Verfolgbare geografische Herkunft
- Umwelt- oder Sozialzertifizierungen
- Garantierte Gewerkschaftsrechte
- Richtlinien zu Kinderarbeit und Mindestlohn
- Nutzung von Wasser und natürlichen Ressourcen
- Abfallaufkommen
- Energieverbrauch pro Produkteinheit
Für energieintensive Lieferanten oder solche, die mit kritischen Rohstoffen zu tun haben, sind weitere relevante KPIs der spezifische CO2-Fußabdruck, Klimawandelpläne, die Nutzung erneuerbarer Energien oder der Anteil recycelter Materialien.
Auf der Governance-Seite werden folgende Elemente berücksichtigt:
- Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung
- Vertragstransparenz
- Whistleblowing-Mechanismen
- Einhaltung der Ethikkodizes für Lieferketten
Die Herausforderung besteht nicht nur darin, diese Indikatoren von Fall zu Fall zu definieren, sondern sie zu standardisieren, zu digitalisieren und über die Zeit und zwischen verschiedenen Lieferanten vergleichbar zu machen. Hier kommen spezielle Plattformen ins Spiel, die Vorlagen, Workflows und Bewertungslogiken bieten, die auf die Branche, das Risikoniveau und die ESG-Reife des Lieferanten zugeschnitten sind.

Einbindung von Lieferanten und Erfassung von ESG-Daten
Die Überwachung von ESG-Kriterien entlang der gesamten Lieferkette erfordert eine aktive Zusammenarbeit mit den Lieferanten. Dabei geht es nicht nur darum, Daten anzufordern, sondern eine Beziehung aufzubauen, die auf Transparenz und Zusammenarbeit basiert.
Unternehmen müssen klare, einheitliche Methoden zur Datenerfassung implementieren, darunter strukturierte Fragebögen, Selbstzertifizierungen, Berichte und regelmäßige Audits. Die Unterstützung von Lieferanten – insbesondere in komplexen Umgebungen – ist entscheidend, damit diese die Erwartungen verstehen und ihre ESG-Leistung im Laufe der Zeit verbessern können.
Nutzung digitaler Tools und Plattformen für die Datenerfassung
Die Phase der ESG-Datenerfassung und -verwaltung stellt den operativsten Aspekt der Lieferkettensteuerung dar. Um die Wirksamkeit, Kontinuität und Rückverfolgbarkeit im Laufe der Zeit sicherzustellen, ist es unerlässlich, digitale Tools einzusetzen, die den Informationsfluss standardisieren und datengestützte Entscheidungsprozesse unterstützen. Zu den effektivsten Lösungen zählen:
- Kollaborative Lieferantenportale, die es Partnern in der Lieferkette ermöglichen, ESG-Dokumente, Zertifizierungen und Indikatoren auf strukturierte und überprüfbare Weise hochzuladen.
- Automatisierte Bewertungsworkflows, die die Lieferantenbewertung, die Identifizierung von Abweichungen von den erwarteten Standards und die Festlegung von Interventionsprioritäten erleichtern.
- Gezielte Unterstützungsprogramme für die kritischsten oder risikoreichsten Lieferanten, darunter Korrekturmaßnahmen, technische Schulungen und gemeinsame Roadmaps für Verbesserungen.
Die gesammelten Daten müssen anschließend analysiert und nicht nur für die Berichterstattung verwendet werden, sondern auch als Grundlage für strategische Entscheidungen dienen, die die allgemeine Nachhaltigkeit des Unternehmens verbessern.

ESG-Lieferketten-Governance: Die Rolle von Avvale
Avvale positioniert sich als strategischer Partner für Unternehmen, die ihre ESG-Leistung verbessern möchten, indem sie Nachhaltigkeit und Risikomanagement durch einen strukturierten Beratungsansatz, solide operative Prozesse und proprietäre digitale Lösungen integrieren.
Unser Ansatz zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, technologisches Fachwissen mit einem tiefgreifenden Verständnis der ESG-Dynamik, geschäftlicher Herausforderungen und sich ständig weiterentwickelnder Vorschriften zu verbinden. Daher bieten wir eine 360-Grad-Unterstützung, die die Entwicklung einer integrierten ESG-Strategie, die zentralisierte Verwaltung von ESG-Daten aus verschiedenen Quellen und Reporting-Tools umfasst, die die Anpassung an die wichtigsten internationalen Rahmenwerke wie GRI, SASB, CSRD und TCFD unterstützen.
Darüber hinaus gehört zu Avvale auch ESGeo, ein auf Nachhaltigkeitsberatung und ESG-Daten-Governance spezialisiertes Unternehmen. ESGeo verfügt über ein Team zertifizierter Analysten, die Unternehmen bei der doppelten Materialitätsanalyse, der Einhaltung europäischer Vorschriften, der Sorgfaltspflicht in der Lieferkette und der Entwicklung maßgeschneiderter ESG-Bewertungsmodelle unterstützen.
Die ESGeo-Suite optimiert den gesamten Prozess von der Datenerfassung bis zur Berichterstellung und ermöglicht es Unternehmen, die relevantesten Themen zu identifizieren und zu priorisieren, die Leistung mit Wettbewerbern und Branchenstandards zu vergleichen, Führungskräfte in Nachhaltigkeitsziele einzubinden und die Beziehungen zu Investoren, Ratingagenturen und Kunden durch kontinuierliche und transparente Wirkungsüberwachung zu stärken.
